Tinka Bechert

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Texts

TINKA BECHERT

TEXT BY DR. ULRIKE OPPELT, CURATOR & ART-HISTORIAN, 2011

(translated from German Text below)

Artists nowadays live in highly complex cultural situations that offer simultaneous existences in so-called parallel worlds. Tinka Bechert, was born in Berlin in 1975 and also lives and works in Ireland since 1998.This corresponds with the characteristics of the younger, globalised generation of artists that often supply at least two countries of residence in their bios.

Passionately, she continuously seeks out new challenges that allow her to realize diverse projects in many different countries, while her family heritage and cultural references are deeply rooted in Berlin's rich history. The focus of her artistic questioning is concerned with orientation and history as a 'lived experience' that continually informs the present.

History is made, written and recorded in pictures, documents and texts. This process is made visible through the ordering and narrative that is consolidated by viewpoints and cultural circumstances. History repeatedly depends on interpretation and the uncovering of its own criteria. Kant understood the chronology of past, present, and future as persistence, succession and simultaneity, which could only be imagined as an 'infinite, continual line'. The French philosopher Henri Bergson (1859-1941) stated 'that Kant's mistake was to understand time as a homogenous medium and that he overlooked that time is made up of individual moments.'(1) To this, Albert Einstein remarked, that 'for us physicists, the distinction between past, present and future is only a stubbornly persistent illusion'(2). For Tinka Bechert, the latter statement aptly expresses her concerns.

She is continually experimenting, searching and re-searching. Her diverse works show a fearlessness and risk-taking that accepts the necessity or possibility of failure and defeat in order to find new expression. Tinka Bechert engages in, at times, highly complex research but this seriousness is constantly undermined by her sense of humor and absurd titles. This creates a playfulness which could be associated with the Berlin Dada artist Hannah Häch or even Kurt Schwitters, whose styles are referenced in methods and media. This graphic appropriation of everyday debris as well as the historic references also points to Sigmar Polke, who she attributes with being a very important influence.

Typical of her work is mix of different materials, which emerge from the surface through layering, collage and assemblage. She describes this collage-technique, even when it really is painting, as a balancing act of pictoral elements and styles. The phenomenon of combined visual language opens a wide spectrum of possibilities. Fragments of imagery ranging from Greek mythology to Dürer are linked together. This shows a desire to recultivate the handling of materials, which are in danger of being forgotten or cast aside in contemporary art. This preference for materials that represent or literally 're-member' a specific time reactivates many associations. The sources for these associations range from ancient egyptian chronologies to 19th century portraiture to a remembering of the 'sublime' in romantic landscape paintings to conceptual installation works.

Bechert's works are always conceptual, repeatedly representational/figurative and on close inspection, they offer narratives, anecdotes and biographical content. Floating words, for example, show that Tinka Bechert's attempts to grasp the existence or essence of a subject, do not only show a deep understanding of the materials she uses, but also employ a philosophical and epistemological analysis. She confronts her painterly perception with other frames of reference, especially the codifications of scientific systems. She expands her investigation into representation and phenomena through three-dimensional analogies alongside her collage or painted subjects. Tiny images, arrows, triangles, chairs hang or float in front, next to or above the canvas and thus create spatial turbulences. Texts and words with symbolic meanings or ironic statements complement the installations.

Sculptural categories like balance, stability and instability are the current subjects in her Drawings. The installations and their expansion of 'drawing into space' represent a striking artistic position which challenges the traditional relationship between image and viewer by questioning the 'taking for granted' of the experience of space and time.

Dr. Ulrike Oppelt, 2011

1.Henri Bergson: Zeit und Freiheit, Hamburg 1994, page 171. 2.Albert Einstein, cited from Armin Herrmann: Einstein- Der Weltweise und sein Jahrhundert, Munich, 1994, page 545.

TEXT VON DR. ULRIKE OPPELT, KUNSTHISTORIKERIN/ KURATORIN, 2011

KünstlerInnen leben heute unter äusserst komplexen kulturellen Bedingungen, die sie gleichzeitig in sogenannten Parallelwelten existieren lassen. Tinka Bechert, 1975 in Berlin geboren, lebt und arbeitet in Berlin und seit 1998 in Irland. Sie entspricht damit der jüngeren, globalisierten Künstlergeneration, die heutzutage auf ihren Lebensläufen mindestens zwei Wohnorte angeben. Leidenschaftlich und munter stellt sie sich fortwährend neuen Herausforderungen, um die unterschiedlichsten Projekte an den verschiedensten Orten der Welt umzusetzen. Doch ihre lange Familiengeschichte und ihre Geistesverwandtschaft bleiben im kulturellen Erbe Berlin's verwurzelt. So kreisen ihre künstlerischen Fragestellungen um die Idee der Orientierung und um die 'Geschichte als lebendige Erfahrung, die die Gegenwart bestimmt'.

Geschichte wird gemacht, geschrieben und in Bildern, Dokumenten und Texten festgehalten. Durch Ordnung und Erzählung wird ein Prozess sichtbar vorgeführt und in Verfestigungen, Zuständen und Blickwinkeln wahrnehmbar. Geschichte bedarf stets der Interpretation und der Offenlegung von Kriterien. Schon Kant verstand unter Zeitfolge die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die er als Beharrlichkeit, Folge und Zugleichsein bezeichnete. Sie lässt sich nur als eine ins "Unendliche fortgehende Linie" denken. Der französische Philosoph Henri Bergson (1859 bis 1941) behauptete: "Kants Irrtum bestand darin, dass er die Zeit als homogenes Medium auffasste. Er scheint nicht bemerkt zu haben, dass sich die wirkliche Dauer aus Momenten zusammensetzt."[1] Hierzu bemerkte Albert Einstein: "Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion."[2] Dieses könnte auch für Tinka Bechert ein gängiges Motto sein.

Tinka Bechert ist eine unermüdliche Experimentatorin. Ihre vielseitigen Arbeiten bezeugen, dass ihr Berührungs ängste fremd sind. Sie scheut kein Risiko im Hinblick auf ihre künstlerische Existenz. Die Gefahr, restlos daneben zu hauen und zu scheitern, nimmt sie bewusst in kauf. Auch schreckt sie nicht davor zurück, komplexe Zusammenh änge zu erforschen. Die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung wird durch viel Humor in teils absurden Titeln aufgebrochen. Dadurch entsteht eine gewisse Leichtigkeit. Ihre künstlerische Verwandtschaft mit den Dada-Arbeiten Kurt Schwitters lässt sich stilistisch gut belegen. Die graphische Aneignung des alltäglichen wie auch eines historischen Bildfundus verweist auf Sigmar Polke, dem T.B. einen ihrer wichtigsten Einflüsse zuschreibt.

Für ihre Werke typisch ist ein Mix aus unterschiedlichen Materialien, die collage-artig aus der Fläche heraus durch Schichtungen und Montagen wirken. Diese offensichtliche Collagen-Technik, selbst in ihrer Malerei, versteht sie als Balanceakt von Stilrichtungen und Elementen. Das Phänomen der kombinierten Bildsprache eröffnet ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Fragmente unterschiedlichster Art werden miteinander verknüpft: z.B. Drucke von der griechischen Mythologie bis zu Dürer.

Darin steckt ein Verlangen Materialbehandlungen, die Gefahr laufen in Vergessenheit zu geraten, wieder zu rekultivieren. Diese Vorliebe von Tinka Bechert für Materialien, die eine spezifische Zeit repräsentieren, sind in der Lage Assoziationsfetzen aufzuwerfen. Die Anregungen dafür reichen von der Chronologie der ägyptischen Altertümer über die Porträtmaler aus dem späten 19. Jahrhundert und über 'das Erhabene' der romantischen Landschaftsmalerei bis hin zu konzeptionellen Installationen.

Tinka Bechert's Werke sind immer konzeptuell, wiederkehrend gegenständlich/figurativ und bieten bei genauem Hinsehen Narratives, Anekdotisches und auch Biografisches an. Schwebende Textstellen z.B. weisen darauf hin, dass T.B. den Versuch, Existenz und Essenz eines realen Objektes zu begreifen, nicht nur mit künstlerischen Mitteln angeht, sondern philosophische und erkenntnistheoretische Herangehensweisen in ihre Analyse mit einbezieht. Sie stellt dem malerischen Erfassen stets andere Bezugssysteme gegenüber. Ihr besonderes Interesse gilt den wissenschaftlichen Codierungen. In dieser Auseinandersetzung mit der Darstellung von Dingen und Ph änomenen erweitert T.B. die Collagen zu Assemblagen und konfrontiert die gemalten Sujets mit ihren dreidimensionalen Entsprechungen. Kleinformatige Bilder, Pfeile, Dreiecke, Stühle hängen oder schweben vor, neben oder über der Leinwand und versetzen diese in Turbulenzen. Texte und Worte mit Symbolcharakter wie auch ironische Statements ergänzen die Installationen.

Skulpturale Kategorien wie Gleichgewicht und Bodenhaftung, Stabilität und Destabilität sind die aktuelle Themen in ihren zeichnerischen Arbeiten. Die installativen Raumzeichnungen bilden eine markante Position, die mit der Ausweitung zeichnerischer Konzepte in den Raum intendiert, das tradierte Verhältnis zwischen Bild und Betrachter auszuhebeln und mit der Irritation und Veränderung der bisherigen gewohnten Wahrnehmung die Erfahrung von Raum und Zeit hinterfragen lässt.